Fünf Grundelemente charakterisieren Zen:

  1. Von allen metaphysischen Vorstellungen loskommen.
  2. Durch Nicht-Anhaften (Gleichmut) mit allen Sinnen und Fähigkeiten im Hier und Heute leben und dankbar genießen.
  3. Sich öffnen für Erfahrungen von Geborgenheit und Einheit mit dem ganzen Sein.
  4. Aus der – insbesondere auch durch Gelassenheit gewonnenen – eigenen Kraft und Stabilität heraus durch liebende Güte, Mitfreude und Mitfühlen Leid mindern.
  5. Frei werden für Heiterkeit, Humor und Selbstironie.

 Zen wird nicht als Alternative, sondern als Bereicherung und Ergänzung unseres Lebens und Denkens erfahren. Durch Haben- und Festhalten-Wollen sind wir verstrickt in Ängste, Enttäuschungen, Wut, Liebesbeziehungen. In der Zen-Meditation kann man das Loslassen von Gedanken üben, unseren ständig aufgescheuchten Geist zur Ruhe kommen lassen. Dies macht es leichter, gegenüber der Zukunft und unseren Problemen des Alltags eine gewisse Distanz zu gewinnen, gelassener zu werden und intensiv in der Gegenwart zu leben.

Im Zentrum der Lehre Buddhas steht die Aussage: Alle „Arten des Festhaltens am Sein sind Leiden“ Damit wird das Phänomen des Leidens zu etwas, was der einzelne (durch sein Festhalten am Sein) zumindest auch mit verursacht und so zu einem Bestandteil des Karma-Gesetzes (Gesetz von Ursache und Wirkung: Nichts, was ich tue oder auch nur denke, bleibt ohne Wirkung – ob für mich selbst oder für andere, ob die Auswirkung zum Heil führt oder zu Unheil und Leiden): Je mehr ich festhalte(n will), desto mehr leide ich.

Je mehr ich loslassen kann, desto weniger leide ich – zugleich kann ich umso intensiver hier und jetzt in der Gegenwart leben, kreativ sein, genießen, helfen, indem ich angstfrei, frei von der Furcht vor Verlust, die das Haben- und Festhalten-Wollen stets begleitet, in voller Wachheit den gegenwärtigen Augenblick bewusst erlebe (ohne mir dies ständig bewusst zu machen)! . Hierzu passt ein Satz aus dem Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking ...“ von Bertolt Brecht „Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es“... Dies bedeutet nicht, dass er sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte, sondern nur, dass er von da an mit allen Sinnen in der Gegenwart lebte („sein Ochse freute sich des frischen Grases“).

„Loslassen“ bedeutet „Nicht-Festhalten-Wollen“. Das hat nichts zu tun mit Gleichgültigkeit sondern mit Gleichmut, nicht verstrickt sein und bildet eine untrennbare Einheit mit Achtsamkeit, Wohlwollen, Mitfreude, Mitfühlen, Engagement, spontanem Agieren und Reagieren aus der Mitte seines Seins heraus. Die Gelassenheit im Zen bedeutet nicht, daß das Leben nur noch an einem vorbeizieht. Nein, im Gegenteil: aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist Zen etwas für Genießer, eine Kunst des „savoir vivre“, Lebenskunst im Alltag. Dies bedeutet natürlich nun nicht, in schrankenlosem Genuss, vielleicht sogar noch auf Kosten anderer, den Sinn des Lebens zu sehen. Bei „genießen“ denke ich in diesem Zusammenhang eher an die Bibel, Altes Testament, Buch Kohelet, Verse 11.7,8: „Das Licht der Sonne sehen zu können bedeutet Glück und Freude. Genieße froh“ (in Dankbarkeit und Demut) „jeden Tag, der dir gegeben ist!“

Durch die Lebenspraxis des Zen soll – im Sinne Buddhas – Leid gemindert werden; eigenes ebenso wie das aller fühlenden Wesen. Durch Nicht-Anhaften, durch Loslassen mindern wir jedoch nicht nur Leid – wir werden frei für wirkliches Genießen, jenseits von Gier und Haben-Wollen, frei für wirkliche Zuwendung, jenseits von Verstrickungen wie besitzergreifenden Liebesbeziehungen oder Mitleid. Mitgefühl ist stets auf den anderen gerichtet; Mitleid dagegen bezieht uns selbst ein und schwächt uns, statt uns Kraft für den anderen zu geben.


Das Wissen um Zen, die Philosophie des Zen mag ein Anstoß sein, der uns als „upaya“, als „Hilfsmittel“ die Richtung weist. Die Zen-Meditation, das „Zazen“, das „Sitzen in Versenkung“ ein Übungsweg im Loslassen, auch von allen Vorstellungen vom eigenen Ich, vom Sinn des Lebens, von allen Fragen des „Warum?“ und „Wozu?“. Letztlich jedoch ist Zen die von uns unmittelbar erlebbare Qualität der Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.

„Irgendwann vergessen wir alles, was wir von Zen wissen:
Wenn es ständig Teil unseres Seins ist,
wenn meditieren und tun nicht mehr getrennt sind.“

MUGARAITO – Günter Weber